Tom Eich

"Genetischer Zwilling" eines schwerkranken Menschen - meine Stammzellspende in Dresden

Stamzellapherese
Stammzellapherese

Dienstag 11. Mai 2010: Feierabend und noch genau eine Woche bevor es in den Urlaub in Richtung Rhodos geht. Endlich ein Abend ohne Termin und genug Zeit um mal wieder in Ruhe ein Buch zu lesen. 20.30 Uhr: Das Telefon klingelt. Am Apparat ist Herr Silva von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Vor einigen Jahren hatte ich mich bei einer Typisierungsaktion meines Arbeitgebers bei der DKMS registrieren lassen. Von Zeit zu Zeit bekommmt man dann eine Infopost über die Arbeit der DKMS, so richtig glaubt man dann aber doch nicht daran irgendwann als Spender in Frage zukommen. Bis zu diesem Abend...

Herr Silva informierte mich darüber, dass ich der „genetischer Zwilling“ eines schwerkranken Patienten sei und somit als Stammzellenspender in Frage komme. Für mich war das ein sehr bewegender Moment: Zum ersten Mal wurde mir klar, dass die eigenen Stammzellen einem todkranken Menschen dabei helfen können (und müssen) wieder gesund zu werden und zu leben!

In einem ausführlichen Gespräch erklärte mir Herr Silva das weitere Vorgehen. Zur Gewinnnung von Stammzellen werden heute zwei verschiedene Verfahren verwendet:

Beim ersten, der Knochenmarkentnahme, wird dem Spender unter Vollnarkose ca. ein Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenkamm entnommen – diese Verfahren war bei mir zum Glück nicht angefragt.

Beim zweiten, der peripheren Stammzellentnahme, wird dem Spender fünf Tage lang ein körpereigener hormonähnlicher Stoff (Wachstumsfaktor G-CSF) verabreicht, der vom Körper z. B. auch bei fieberhaften Infekten produziert wird. Dieses Medikament stimuliert die Produktion der Stammzellen und bewirkt, dass sich vermehrt Stammzellen im fließenden Blut befinden. Diese können dann über ein spezielles Verfahren (Stammzellapherese) aus dem Blut gesammelt werden. Große Vorteile dieser Methode sind die fehlende Narkose und die ambulante Durchführung. Dieses Verfahren kam bei mir zum Zug.

In unserem Gespräch informierte ich Herr Silva darüber, dass ich eigentlich am Di. 18. Mai morgens für eine Woche in Urlaub fliegen wollte. Das war zwar möglich, nun musste allerdings alles ziemlich schnell gehen. Denn bevor das Verfahren zur Stammzellenproduktion eingeleitet wird, ist noch eine ausführliche Voruntersuchung (Dauer 3-4 Stunden) des Spenders notwendig, um alle Risiken des Verfahrens auszuschließen. Da alle Kliniken in der Region Stuttgart ausgebucht waren, musste ich für die DKMS 5 Tage später am So. 16. Mai nach Dresden fliegen, dort übernachten und am nächsten Tag zur „Cellex - Gesellschaft für Zellgewinnung mbh“, die meine Voruntersuchung erfolgreich durchführte. Montag Abend war ich wieder zurück in Stuttgart und nach Kofferpacken und und ein paar Stunden Schlaf ging es dann für eine Woche in den Urlaub nach Rhodos.

Wieder zurück in Stuttgart musste ich am Do. 27. Mai mit dem Spritzen des Stoffes zur Satmmzellproduktion beginnen. Jeweils morgens und abends 2 ml im Abstand von 12 Stunden. Die Spritzen hatte ich bereits zuvor von der Cellex GmbH bekommen. Eigentlich gehöre ich nicht zu den ängstlichen Menschen in Bezug auf Spritzen aber beim ersten Mal war die natürliche Hemmung dann doch recht groß, sich die kleine Kanüle selbst in den Bauch zu stechen. Zudem war das Ganze ziemlich schmerzhaft, da ich (entgegen aller Ratschläge) die Kanüle ganz langsam in die Bauchfalte gestochen habe. Aber schon beim zweiten Mal hat man die Technik raus und man gewöhnt sich an das ganze Verfahren. Das Selber-Spritzen ist nach ein paar Mal wirklich problemlos und unkompliziert.

Montag 31. Mai: Der große Tag der Stammzellenentnahme. Am Vorabend bin ich ernneut nach Dresden geflogen und habe dort wieder in einem schönen Hotel am „blauen Wunder“ übernachtet. Die DKMS übernimmt hierfür alle Kosten und organisiert und bucht sowohl Flüge, Hotelübernachtungen als auch die Untersuchungs- und Entnahmetermine. Ein wirklich toller Service, der einem das ganze Verfahren nochmal zusätzlich vereinfacht!

Los ging es um 8 Uhr. Die Ärztin erklärte mir noch kurz das Vorgehen und schon saß ich auf dem Sessel zur Stammzellenapherese. Während ich mich mit meinem Nachbar auf einen gemeinsamen Film einigen musste, den wir während der Apherese anschauen konnten, wurde ich von den Schwesetrn schon verkabelt. Eine Kanüle in die Vene am linken Oberarm und eine kleine in den rechten Unterarm und schon konnte es losgehen. Das Blut wird auf der linken Seite entnommen und in einer Art Zentrifuge geschleudert, um das Blut in verschiedene Schichten aufzuteilen. Eine davon ist die Stammzellschicht, die in einem Beutel gesammelt wird. Das übrige Blut wird dem Organismus dann wieder über die rechte Seite zugeführt. Insgesamt wedren in den 3-4 Stunden - so lange dauert das Verfahren in etwa - ca. 300 ml Stammzellflüssigkeit gewonnen. Dem Empfänger müssen die gewonnenen Stammzellen innerhalb von 72 Stunden transplantiert werden. Für mich war das Verfahren damit aber erst einmal beendet. Das Spritzen des hormonähnlichen Stoffe hatte zwar am letzten Tag zu ein wenig Rückenschmerzen geführt (normale Nebenwirkungen) aber die Stammzellgewinnung an sich war absolut schmerzfrei und ich würde das Verfahren jederzeit wiederholen (nicht von den vielen Kabeln auf dem Bild erschrecken lassen!)

Wenn zu wenig Stammzellen beim ersten Durchgang gewonnen werden können, muss man am nächsten Tag nochmal ran – ich hatte aber Glück, so dass ich mich am nächsten Tag voll und ganz erholen konnte. Wirklich anstrengend ist die Apherese zwar nicht aber man fühlt sich danach doch etwas platt und müde.

Jetzt gilt es natürlich dem Empfänger die Daumen zu drücken, denn die fremden Stammzellen sind seine letzte Cahnce zu überleben. Nur wenn der Körper diese aufnimmmt und die neuen Stammzellen erfolgreich den Krebs bekämpfen, kann der Patient geheilt werden. Die Wahrscheinlichkeit das dies funktioniert liegt nach Aussage der Ärzte je nach Patient und Krankheitsverlauf (in der Regel Lymphdrüsenkrebs oder Leukämie) bei ca. 40 – 80%. Jetzt bleibt einem nur Abwarten und hoffen!

Die DKMS hat das gesamte Verfahren stark anonymisiert, was ich auch richtig finde. Nach erfolgter Stammzellenspende erfährt  man einige Tage danach das Geschlecht, das Alter und das Herkunftsland des Empfängers. Wenn die Transplantation erfolgreich verläuft und der Patient gesund wird, kann man ca. 5 Monate später anonymen Kontakt zueinander aufnehmen, der durch die DKMS vermittelt wird. Ist der Spende auch nach mehreren Jahren gesund, können sich Spender und Empfänger gegenseitig kennenlernen, wenn das von beiden Seiten gewünscht wird. Ich wünsche mir sehr, dass der Empfänger diesen Moment erleben wird!

Wenn ihr Interesse habt selbst bei der DKMS registriert zu werden, um vielleicht irgendwann mit euren Stammzellen, Leben retten zu können, findet ihr Informationen unter www.dkms.de .

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